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Familiennamen: Enstehung, Bedeutung, Etymologie

I. Entstehung

II. Bedeutung

III. Etymologie

 

I. Entstehung

Viele Familiennamen lassen sich aus der heutigen deutschen Sprache erklären, Schneider, Weber, Müller usw. bieten daher keinerlei Probleme. Aber das ist von den ca. 850.000 heute nachweisbaren Familiennamen in Deutschland nur zu einem gewissen Teil der Fall. Ganz anders sieht es schon bei den 553.153 Familiennamen aus, die mit nur einem einzigen Telefonbucheintrag vorkommen.1 Je näher man sich mit Familiennamen befasst, desto deutlicher werden die Probleme: Sie entstammen ja keineswegs nur der heutigen (hoch)deutschen Sprache, sondern aus einer älteren Sprachstufe, etwa dem Mittelhochdeutschen, ferner aus den zahlreichen Dialekten des Deutschen.

Aber auch das ist noch längst nicht alles, zu berücksichtigen ist – gern wird das übergangen – das weite Feld der niederdeutschen Namen, die aus einem großen Verbreitungsgebiet zwischen niederländischer Grenze und dem Memelgebiet entstammen. Hinzu kommen Umsiedlung, Vertreibung und Flucht in der Kriegs- und Nachkriegszeit, die zu einer erheblichen Umwälzung im Familiennamenbestand des heutigen Deutschland geführt haben, nach Schätzungen sind ca. 16 Millionen Menschen eingewandert. Ca. 4 Millionen Spätaussiedler kamen in den Jahren nach 1950 noch hinzu. Aber auch schon vorher hatte eine Zuwanderung aus dem Osten eingesetzt: Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zog es zahlreiche Siedler in das Ruhrgebiet, noch heute an den zahlreichen polnischen und baltischen Namen dieses Raumes zu erkennen. Alles zusammen genommen kann man im Namenbestand der Deutschen bis etwa 1960 mit Herkunft aus folgenden Sprachen rechnen: Hochdeutsch, Niederdeutsch, Niederländisch (Flämisch), Friesisch, Dänisch, Sorbisch, Polnisch, Jiddisch, Tschechisch, Französisch, Schwedisch, Baltisch (Altpreußisch, Litauisch, Lettisch), Weißrussisch, Ukrainisch, Russisch, Rumänisch, Ungarisch, Slowenisch, Kroatisch, Serbisch, Bulgarisch, Italienisch, Rätoromanisch, um nur die wichtigsten zu nennen. Jüngere und jüngste Zuwanderung aus Bereichen Außereuropas lasse ich hier beiseite, sie enthält weitere und besondere Probleme.

Daraus ergibt sich als erste und wichtige Konsequenz: Man muss ermitteln, woher der Name kommt, wo die erreichbaren ältesten Namengeber gewohnt haben.

 

II. Bedeutung

In einem grundlegenden Artikel haben Konrad und Richard Kunze im Jahr 2003 zum ersten Mal zusammenfassend gezeigt, welch wichtige Quelle elektronische Datenverzeichnisse wie Telefon-CDs für die Untersuchung der Familiennamen darstellen.2 Dabei stützen sich die Autoren auf von Richard Kunze entwickelte Auswertungsprogramme von EDV-Datenbanken und Telefon-CDs.3 Einen ähnlichen Weg ging schon früh auch Volkmar Hellfritzsch (Stollberg).4 Inzwischen bieten mehrere Internet-Anbieter kostenlose Programme zum Erstellen von Verbreitungskarten an, darunter auch verwandt.de. Das gilt auch für weitere europäische Staaten wie Großbritannien, die Niederlande, Belgien, Frankreich, die Schweiz, Österreich und – für Deutschland wichtig – Polen (www.moikrewni.p/mapa).

Mit diesen Daten erhält man einen Überblick über das Vorkommen eines Familiennamens in einem bestimmten Land. Hinweise darauf, dass es eine Anzahl von Telefonnutzern gebe, die sich nicht in derartige Verzeichnisse eintragen lassen und dadurch das Bild vielleicht verfälscht werden könnte, sind ohne Gewicht. Statistisch gesehen ist es eine Minderheit, die angesichts der Gesamtzahl der Telefonnutzer vernachlässigt werden kann.5

Es empfiehlt sich, ältere Telefon-CDs zur Recherche zu verwenden, ich nutze CDs aus der Zeit zwischen ca. 1995 und 1999. Das hat, wie man gelegentlich von Kritikern liest, nichts mit „veralteten Daten“ zu tun, sondern ist empfehlenswert, weil die Zahl der Mobiltelefone („Handys“) zugenommen hat. Schon zwischen 1998 und 2002 sind ca. 5 Millionen Festnetzanschlüsse aufgegeben worden.6

Ein bedeutender Fortschritt gegenüber den sogenannten „absoluten“ Kartierungen ist die Erstellung von sogenannten „relativen“ Verbreitungskarten. Nach K. Kunze gibt die absolute Verbreitung in Karten an, „wie oft ein Name pro Ort, Land, PLZ-Bezirk usw. auftritt … Die[se] massenhaften Vorkommen v. a. in städtischen Ballungsräumen »erdrücken« im Kartenbild [aber] die geringeren Vorkommen auf dem Lande“.7 Relative Kartierungen berechnen dagegen, „wie groß der prozentuale Anteil des betr. Namens am Gesamtvolumen aller Namen eines PLZ-Bezirks ist (= relative Namen-dichte)“.8 Relative Kartierungen bieten daher im allgemeinen ein objektiveres Bild als absolute:

  
Abb. 1 – Schütze (absolute Verteilung)

Abb. 2 – Schütze (relative Verteilung) 


Auch ein in Arbeit befindliches umfassendes Werk, der Deutsche Familiennamen-Atlas (DFA), bedient sich dieser Methoden.9 Inzwischen ist ein weiterer wichtiger Schritt getan worden. Es fehlten bisher Kartierungen von Familiennamenbeständen aus der Zeit vor 1945. Der Namenforscher ver-sucht diese Lücke durch die Berücksichtigung der frei zugänglichen Sammlung familysearch.org im Internet, die nach Schätzungen ca. eine Milliarde Datensätze zu Familiennamen enthält, zu schließen. Unter www.verwandt.de/karten ist es gelungen, diese und weitere Daten aus dem Internet kartographisch darzustellen. Zu jedem Familiennamen können jetzt Karten erstellt werden, die in hervorragender Weise zeigen, wie ein Name früher verbreitet gewesen ist.

Mit der Kartierung historischer Familiennamendaten wird der Suche nach der Herkunft von Familien und nach deren Vorfahren eine neue Basis geschaffen und die Frage nach der Herkunft eines Namens wird durch weiteres, wichtiges Material im-mer sicherer beantwortet werden können.

 

III. Etymologie

Vor ca. 800 Jahren trugen die Menschen oftmals nur einen Rufnamen, jedoch zwang die Zunahme der Bevölkerung und die Entstehung größerer Siedlungen dazu, einen weiteren Name zur Unterscheidung und Identifikation hinzuzufügen. Das geschah etwa nach folgendem Muster: Es wurde zunächst ein meist lateinischer, später auch deutscher Zusatz hinzugefügt, zumeist verbunden mit dictus „genannt“, cognomi-ne/cognomentus („mit Beinamen“), genannt, giheizen/heisset, den man sprichet usw. Es entstanden Passagen wie etwa Cunradus dictus Faber, Heinricus dictus Kreier, später bruder Egebreht dem man sprichet der Wolhuser, Rudolf der Haffenler genant Rudler, Ludwig Keller genant Klemlin.

Dieser Beiname wurde gewonnen aus einem Rufnamen (z. B. Johannson, Hansen, Peter), aus einem Über- oder Eigenschaftsnamen (z. B. Kleinert, Langbein, Linkerhand), einer Berufsbezeichnung (z. B. Müller, Büttner, Leuschner, Richter), dem Herkunftsort (z. B. Meißner, Hamberg, Rosenfeld) oder dem Wohnsitz (z. B. Zum-born, Brinkmann, Dorer).10

Diese Gliederung gilt im Grunde genommen nicht nur für hochdeutsche Namen, sondern auch für alle anderen Familiennamen, gleichgültig, ob sie niederdeutscher, polnischer, baltischer, tschechischer oder französischer Herkunft sind.

Das Problem der Deutung liegt im Wesentlichen darin, dass unsere heutigen Familiennamen auf dem alltäglichen mittelalterlichen Wort- bzw. Ruf- oder Ortsnamen-schatz beruhen. Das darin enthaltene Wort und Namengut ist zu nicht geringem Teil in den vergangenen Jahrhunderten verloren gegangen oder hat einen Bedeutungswandel erfahren (mittelalterlich Dirne hatte noch keinen negativen Beiklang). Namen unterlagen zudem wie der Wortschatz vielfältigen sprachlichen Veränderungsprozessen und den Einflüssen der jeweiligen Mundart.

Die Analyse und Etymologie eines auf den ersten Blick nicht zu deutenden Familiennamens kann zufriedenstellend im Grunde genommen – das ist leider so, ich kann es nicht anders ausdrücken – nur von Experten erbracht werden. So sind z.B. Kenntnisse aus folgenden Bereichen notwendig:

– Historische Lautgeschichte und Etymologie
– Wortforschung
– Kenntnisse der Morphologie älterer Sprachstufen
– Vertrautheit mit Umdeutungsprozessen
– Kenntnis der Deutung von Orts-, Flur- und Gewässernamen

Und dieses bezieht sich keineswegs nur auf das Hoch- und Niederdeutsche, sondern auf mindestens zwei Dutzend Sprachen Mittel- und Osteuropas.

Die Namenforschung und Namenberatung an der Universität Leipzig hat sich unmerklich und anfangs durchaus nicht beabsichtigt zu einem der wichtigen Zentren der Untersuchung der Familiennamen entwickelt. Die Präsenz in den Medien hat diesen Prozess verstärkt. Regelmäßige Sendungen zu Familiennamen und deren Bedeutung sind z.Zt. zu hören bei Radio Eins (RBB), MDR I Radio Thüringen, Landeswelle Thüringen, MDR I Radio Sachsen, NDR I Niedersachsen, SWR 1 Rheinland-Pfalz, WDR 5, Radio Erft, Hr 4, ffn, Radio Luxemburg und beim MDR-Fernsehen. Das Wissen um die Herkunft und Bedeutung der Namen wird dadurch steigen, auch die Qualität der Internet-Seiten ist allmählich besser geworden. Bis aber alle nur einmal im Telefonbuch genannten 553.153 Familiennamen zufriedenstellend gedeutet sind, werden noch Jahrzehnte ins Land gehen.
 

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1 Diese Zahl nennen K. Kunze und D. Nübling in dem in Anm. 1 genannten Beitrag, S. 134, Anm. 38.

2 K. Kunze, R. Kunze, Computergestützte Familiennamen-Geographie, in der Zeitschrift: Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge, Band 38, Heft 2, Heidelberg 2003, S. 121-224 (mit 57 Verbreitungskarten).

3 Vgl. jetzt auch K. Kunze, dtv-Atlas Namenkunde; Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet, 4. Aufl., München 2003, S. 198ff.

4 Beispiele für dessen Kartierungen finden sich bei V. Hellfritzsch, Lessig/Lässig - Lessing, in: Dia-lektgeographie im Ostmittel- und Ostniederdeutschen. Ergebnisse - Einsichten - Folgerungen. Bei-träge (Teil II), hrsg. von Rudolf Große (= Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Arbeitsblätter der vorhabenbezogenen Kommission für die Mundartwörterbücher. Nr. 2, August 2000), S. 5-16 [hier die Karten Lässig/Läßig, Lessing u. Lesnik S. 14, 15 u. 16].

5 So stört sich auch niemand daran, dass etwa für das „Politbarometer“ des ZDF zwischen 1.500 und 2.000 Personen befragt werden und diese Zahlen auf ca. 62 Millionen Wahlberechtigte hochgerechnet werden.

6 Da etwa 1999 aus Datenschutzgründen eine Exportsperre für den Datenexport eingerichtet werden mußte und in einem Arbeitsgang nur noch 75 Namen für die Bearbeitung, etwa in WORD, exportiert werden können, empfiehlt sich die Arbeit mit CDs, die bis 1999 erschienen sind. Bei diesen können noch bis zu 999 Namen entnommen werden.

7 Ebda., S. 205.

8 Ebda.           

9 Einzelheiten s. D. Nübling, K. Kunze, Familiennamenforschung morgen: Der deutsche Familienna-menatlas (DFA), in: Namenforschung morgen, Hamburg 2005, S. 141-151; K. Kunze, D. Nübling, Der Deutsche Familiennamenatlas (DFA). Konzept, Konturen, Kartenbeispiele, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge  42 (2007), S. 125-172.

10 In diesem Fall wird vom Familiennamenforscher auch verlangt werden müssen, dass er sich mit der Herkunft der Orts- und Flurnamen vertraut macht, denn Frau Merseburger wird sich nicht damit zufrieden geben, wenn ihr mitgeteilt wird, dass ihr Name vom Ortsnamen Merseburg abstammt; sie möchte natürlich auch wissen, was der Ortsname bedeutet.


 



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