Unsere Kollegin Karen hat im brasilianischen Blog ein Interview mit der Fotografin Fifi Tong geführt, welches wir euch nicht vorenthalten möchten. Fifi Tong fotografiert seit über 15 Jahren Großfamilien und hat ihr Werk jetzt in einem Bildband veröffentlicht.
Karen: Sie haben vor kurzem das Buch “Ursprung – Familienbilder in Brasilien“ veröffentlicht. Wie ist es zu diesem Buch gekommen?
Fifi: Das Projekt hat mit einem Foto meiner Familie angefangen. Von meiner Oma, meiner Mutter, meiner Tochter und mir. Wir haben uns chinesische Kleider angezogen, die meiner Oma gehörten. Sie hat sie immer in China getragen. Und so wurden vier Generationen porträtiert um eine Erinnerung für später zu haben. Als ich die Fotos entwickelt habe, habe ich mich in die Bilder verliebt und sofort gedacht: Wow, das wäre ja ein tolles Projekt. Peu à peu habe ich nun angefangen zu fotografieren, mit der Idee nur Frauen als Motive zu haben.
Mit dieser Vorgabe habe ich Familien gesucht, die bereits seit vielen Generationen zusammen wohnen, mindestens seit drei, aber am liebsten vier oder fünf Generationen lang. Während des Entwicklungsprozesses der Fotos habe ich festgestellt, dass sich die Familienmitglieder oft sehr ähnelten und manche Gesichtsausdrücke vererbt werden. Wegen dieses genetischen Merkmals habe ich mich entschieden meine Optionen zu erweitern und fing an, auch gezielt Familien zu fotografieren, wobei die Ähnlichkeit zwischen den Familienmitgliedern deutlich zu sehen war. Da ich beobachtet hatte, dass auch Mütter und Söhne oder Väter und Töchter sehr ähnlich sein können, begann ich auch Männer zu fotografieren. Und so kam die ganze Sache ins Rollen.
Eine Herausforderung war es, Familien mit vielen Generationen zu finden. Es war immer eine große Freude, Familien mit 5 Generationen zu finden, aber manchmal hat ein Foto mit nur zwei Generationen so schön gepasst, dass ich auch sie in meinem Projekt integriert habe.

Karen: Wie haben Sie Ihre Arbeit strukturiert und wie lange hat es bis zur Veröffentlichung des Buches gedauert?
Fifi: Als ich mein erstes Foto von meiner Familie gemacht habe, war meine Tochter 6 Jahre alt. Sie ist jetzt vor kurzem 21 geworden, also war ich 15 Jahre mit diesem Projekt beschäftigt. Ich bin wirklich ergriffen, es ist wie ein Kind zu beobachten, wie es sich entwickelt und wächst. Aber natürlich habe ich nicht immer fotografiert, mal war es sehr intensiv, mal weniger intensiv. Parallel dazu habe ich versucht mein Buch zu verkaufen und meine Arbeit bekannt zu machen. Das war das schwierigste überhaupt: ein Sponsor zu finden und auch auf das In-Kraft-Treten des Rouanets- gesetzes* zu warten.
*das brasilianische Kultur- Förderungsgesetz
Karen: Wie haben Sie die Motive für Ihr Buch gefunden?
Fifi – Mit den Menschen in meiner Nähe. Da gab es z.B. die Frau, die für mich gearbeitet hat und ihre Tochter, die damals sehr klein war und heute schon 18 Jahre alt ist. Auch meine Familie und Freunden haben mir stets geholfen und Tipps gegeben. Manchmal kamen sie zu mir und sagten: “Ich kenne eine Familie in Minas Gerais mit 5 Generationen, hast du Interesse?” Ich habe dann die Leute kontaktiert, einen Termin ausgemacht, mich ins Auto gesetzt und bin los gefahren. Vor Ort kamen dann wieder Menschen auf mich zu die ebenfalls große Familien kannten. “Ich kenne noch eine Familie mit 5 Generationen und sie wohnen nur 1 Autostunde von hier entfernt. Willst du dahin?” Und natürlich bin ich hin gefahren.
Am Ende hatte ich so viel Material und es gab trotzdem so viele Sachen die ich noch machen wollte. Z.B. habe erst am Ende des Projekts erfahren, dass es zwei Städte in Brasilien gibt, in denen die Einwohner für ihr sehr hohes Alter bekannt sind: Veranópolis in RS und noch eine Stadt im Bundesstaat São Paulo, aber ich habe es nicht mehr geschafft dorthin zu fahren. Nachdem ich einen Sponsor hatte, gab es auch eine Abgabefrist und irgendwann muss man auch mal sagen können, ich bin fertig!
Karen: Denken Sie, dass das Buch ein Porträt der brasilianischen Familie darstellt?
Fifi: Ja, das denke ich schon. Die brasilianische Familie ist ein Schmelztiegel. Ich selber bin Brasilianerin, habe chinesische Wurzeln, meine Tochter ist Brasilianerin mit einem spanischen Vater. Praktisch jeder Brasilianer hat Verbindungen zu Immigranten, die hierher gekommen sind, um unser Land aufzubauen.
Karen: Sie haben chinesische Wurzeln. Waren Sie schon im dem Land ihrer Ahnen?
Fifi: Ja, meine Eltern stammen aus Shanghai, aber leider war ich selber noch nie dort. Ich möchte das auf jeden Fall noch nachholen und plane die Reise bereits sorgfältig. Ich würde gerne 2 oder 3 Monaten dort verbringen, am liebsten mit meiner Tochter, nachdem sie fertig studiert hat. Meine Eltern sprechen noch chinesisch zuhause, shanghai-chinesisch genau genommen, und ich finde die chinesische Kultur sehr interessant, obwohl ich sie nicht im Detail kenne. Es wäre auch eine sehr gute Chance zu fotografieren.

Karen: Die Leser unseres Blogs interessieren sich für die Genealogie. Was können Sie ihnen darüber sagen?
Fifi: Also, ich denke, dass die Fotografie auch ein wichtiger Teil der Genealogie ist. Sobald Sie ein Foto machen, haben Sie den Moment verewigt. Wenn Sie eine Mutter und eine Tochter anschauen, dann merken Sie oft nicht wie ähnlich sie sind. Auf einem Foto fällt ihnen die Ähnlichkeit viel stärker auf. Man sieht die kleinen Einzelheiten, die uns im Alltag entgehen. In meinem Buch ist ein Beispiel von einer 5-Generationen-Familie, 5 Frauen, so unterschiedlich aber so gleich, man kann genau die Merkmale sehen, die weiter vererbt werden. Es ist unglaublich, wenn man sich in einer anderen Person wiedererkennen kann und weiß, wie man im Alter aussehen wird.
Die Familie auf der Titelseite meines Buches ist fotografisch gesehen sehr interessant. Man sieht wie die Familie eine hellere Haut bekommt, aber andere Eigenschaften beibehalten werden. Das Mädchen sieht genau so aus wie der Opa – er ist aber farbig und sie blond, mit blauen Augen.
Ich habe es sehr genossen, diese und andere Familien bei der Veröffentlichung meines Buches wieder zu treffen. Als ich das Mädchen der Titelseite fotografiert habe, war sie 5 Jahre alt. Bei erscheinen des Buches bereits 12. Alle sind sehr Stolz Teil dieses Projekts gewesen zu sein.
In einem nächsten Projekt möchte ich gerne eine Internetseite erstellen, damit die Leute ihre eigenen Fotos und Geschichten einsenden können und vielleicht wird daraus ja ein zweites Buch.
Karen: Fifi, für diejenigen, die etwas ähnliches machen möchten – die Generationen einer Familie fotografieren – was für einen Ratschlag haben Sie für sie?
Fifi – Das Wichtigste ist natürlich, alle Beteiligten zusammen zu bringen. Man muss also geduldig sein. Ich musste sehr oft warten. Manchmal wohnt die Oma in einem kleinen Dorf und braucht Hilfe, um einen Termin wahrzunehmen. Die Logistik ist das A und O und auch die Geduld.
Außerdem sollte man versuchen, günstige Gelegenheiten wie Jubiläen ausnutzen. Auf einer goldenen Hochzeit ist die Verwandtschaft sowieso anwesend, warum nicht das traditionelle Foto mit allen Verwandten machen? Ich finde es unglaublich schön die Familie zu fotografieren. Es kommt nicht so sehr auf die Generationen an, wichtiger ist es die Momente zu verewigen, die uns wichtig sind.
Karen: Haben Sie das erste Foto, also das Foto mit den vier Generationen ihrer eigenen Familie, eigentlich noch mal wiederholt?
Fifi: Nein, leider nicht. Meine Oma ist 2007 verstorben. Schade, weil jetzt die fünfte Generation unterwegs ist, mein Neffe wird Papa. Es sind also wieder 4 Generationen…
Karen: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!