Archiv der Kategorie ‘5 Fragen an...’

…Andrea Bentschneider, Berufsgenealogin mit über 15 Jahren Erfahrung in der Durchführung genealogischer Forschungen in Deutschland, ehemals deutschen Gebieten und den USA.

Wir haben Frau Bentschneider fünf Fragen gestellt:

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Frau Bentschneider, Sie arbeiten seit 5 Jahren als Berufsgenealogin. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Andrea Bentschneider

Das Berufsbild des Genealogen ist derzeit noch kein Lehr- oder Studienberuf. Wie wohl die meisten meiner Kollegen habe ich mein Hobby und meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Vor 5 Jahren gründete ich meine eigene Firma Beyond History, die sich ausschließlich mit dem weiten und spannenden Feld der Ahnenforschung beschäftigt. Zuvor hatte ich bereits 12 Jahre meine eigene Familiengeschichte erforscht und amerikanischen Freunden – ich habe 10 Jahre in New York gelebt –  bei der Suche nach deren deutschen Wurzeln geholfen.

Den Ausschlag gebenden Anstoß zur eigenen Familienforschung erhielt ich in den frühen 90er Jahren durch eine E-Mail aus den USA. Und zwar von einem Urenkel eines gewissen Wilhelm Bentschneider, der 1854 von Deutschland nach Amerika ausgewandert war. Es stellte sich heraus, dass ich Verwandte in den USA habe. Seit besagter E-Mail konnte ich stichhaltige Familienfakten von nunmehr über 2.000 Personen zu Tage befördern. Das älteste Dokument stammt aus dem Jahr 1657.

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Sie organisieren u.a. auch Reisen für Menschen, die nach den Spuren Ihrer Vorfahren suchen. Wie kann man sich das genau vorstellen?

Andrea Bentschneider

Nachdem wir die Vorfahren unserer Kunden erforscht haben, haben viele den Wunsch, die Orte der Herkunft zu besuchen. Deshalb organisieren wir individuelle Reisen. Diese beinhalten Besuche der Häuser oder Höfe der Vorfahren, deren Arbeitsplätze sowie Sehenswürdigkeiten in der Umgebung und historische Hintergrundinformation über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Vergangenheit. Oft versuchen wir auch noch lebende Verwandte ausfindig zu machen – ein Wunsch vieler Amerikaner und Australier. So hat es in der Vergangenheit schon einige Familienzusammenführungen gegeben. Ein einmaliges Erlebnis für alle Beteiligten.

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Wie sieht Ihr Arbeitstag als Berufsgenealogin aus?

Andrea Bentschneider

Der Großteil meiner Arbeit besteht aus Archivforschung an den unterschiedlichsten Orten in Deutschland und Europa. Urkunden werden bei Standesämtern bestellt, Telefonate mit Archiven über Forschungsmöglichkeiten in deren Quellen geführt. Auch der Austausch mit Kollegen und das Verfassen von Presseartikeln auf Anfrage gehören zu unserem Tagesgeschäft. Sehr spannend war ein umfangreicher Forschungsauftrag für ein Fernsehprojekt, das vor einiger Zeit in der ARD gesendet wurde. Hinzu kommt natürlich ein ansehnlicher administrativer Aufwand. Anfragen, E-Mails und Fragen der Kunden wollen beantwortet werden.

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Was sind Ihre häufigsten Anfragen?

Andrea Bentschneider

Die häufigsten Anfragen kommen momentan noch aus Übersee. Gesucht werden die Herkunftsorte der im 19. oder 20. Jahrhundert nach Nord- und Südamerika, Australien oder auch Südafrika ausgewanderten Vorfahren. Mit Hilfe zum Beispiel der Hamburger Passagierlisten aber auch von eigenen Datenbanken und Fachliteratur können wir oft den Geburtsort bzw. den letzten Wohnort des Auswanderers bestimmen. Dies ermöglicht uns, die eigentliche fundierte Ahnenforschung am Ort der Herkunft durchzuführen.

Seit einigen Jahren nimmt auch in Deutschland das Interesse an der Ahnenforschung ständig zu. Hier reichen die Anfragen von der Transkription alter handschriftlicher Dokumente bis zur Erstellung einer Familienchronik mit Stammbaum bzw. Ahnentafel als Geburtstagsgeschenk.

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Erinnern Sie sich noch ein einen besonders interessanten Fall und können Sie uns diesen schildern?

Andrea Bentschneider

Mein „Lieblingsfall“ ist eine romantische aber auch etwas skurrile Liebesgeschichte, die sich Ende des 19. Jahrhunderts zwischen Dresden und Hamburg im Theatermillieu abspielte: Die Forschung begann mit einer allein stehenden Hebamme, Mutter von 7 unehelichen Kindern in Dresden, die sich 1883 in Dresden-Radebeul ein stattliches Haus mit Grundstück kaufte. Beim Taufeintrag des letzten Kindes stand mit Bleistift im Kirchenbuch vermerkt, dass der Vater ein Theaterdirektor aus Hamburg sei. In Kürze fielen damit alle Puzzlesteine zusammen: Die Mutter war 1865 als Sängerin und Schauspielerin nach Hamburg gekommen. Hier lernte sie den Theaterdirektor kennen und brachte bereits in Hamburg die ersten zwei Kinder zur Welt. Sie zog wieder in ihre Heimatstadt Dresden zurück und wechselte den Beruf, er blieb in Hamburg und die beiden führten offensichtlich eine gut funktionierende Fernbeziehung, da sich regelmäßig Nachwuchs einstellte.

Aus Adressbüchern, Bürgerbriefen, Meldeprotokollen und anderen Quellen ließ sich der Werdegang des Herrn und seine verschiedenen Anstellungen in diversen Hamburger Theatern sehr gut nachvollziehen. Besonders hilfreich war ein Buch anlässlich des 150. Jubiläums des St. Pauli Theaters, in dem ausführlich über den Herrn Direktor, seinen Charakter, seinen Führungsstil und seine Marotten geschrieben wurde. Aus einem Künstlerlexikon stammt die Information, dass er angeblich 1880 verstorben sei und mit einer englischen Schauspielerin verheiratet gewesen sei. Noch im selben Jahr seines Todes wurde das letzte gemeinsame Kind mit der Herzdame in Dresden geboren. Der Tod und die angebliche Hochzeit mit der Engländerin konnten bisher aufgrund von Datenschutzbestimmungen noch nicht ermittelt werden. Wenn 2009 die Datenschutzfristen verkürzt werden, werde ich hoffentlich die Antwort auf diese letzten offenen Fragen finden.

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Jürgen Udolph, Professor für Onomastik und Deutschlands bekanntester Namenforscher.

In der Öffentlichkeit ist er vor allem durch seine Radiosendung "Numen, Nomen, Namen" auf Radio Eins, sowie seine Auftritte im Fernsehen, z.B. bei Stern TV, Johnnes B. Kerner oder der ZDF-Sendung "Deutschland – Deine Namen" bekannt.

Wir haben Prof. Udolph fünf Fragen gestellt:
 
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Herr Udolph, Sie sind Professor für Onomastik (Namensforschung) und haben bis 31.03.2008 an der Universität Leipzig gelehrt. Welche Bedeutung hat eigentlich Ihr Nachname?

Prof. Udolph

Der Name Udolph ist ein alter germanischer Vorname, zwei Teile: od „Besitz, Eigentum“ + -wolf „Wolf“. Unsere Vorfahren haben die beiden Elemente frei zusammengesetzt, insofern gibt es keine Bedeutung, die beide Elemente zusammenfassen würde, etwa „Wolfsbesitz“, „Wolf als Besitz“ o.ä. Spannend ist an diesem Namen, daß ein Odolf bereits unter den Vorfahren von Theoderich dem Großen, Ostgotenkönig (ca. 455 – 30. August 526), erwähnt wird. Damit ist der Name Odolf/Udolf mindestens 1.500 Jahre alt.

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Gab es einen zentralen Auslöser für Ihre Leidenschaft zur Onomastik?

Prof. Udolph

Am 20. Januar 1970 war ich als (mittelmäßiger) Student der Slavistik und Finnougristik in der Sprechstunde des Göttinger Sprachwissenschaftlers Wolfgang P. Schmid. Er riet mir, über slavische Gewässernamen zu arbeiten. Das Thema war super gewählt und die Namen haben mich danach nie mehr los gelassen.

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Können Sie uns sagen, wie viele unterschiedliche Nachnamen es in Deutschland gibt?

Prof. Udolph

Ja, es gibt eine recht genaue Zahl: 850.000.

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Ihr Team an der Universität Leipzig erstellt schon seit langer Zeit wissenschaftliche Namensanalysen. Erinnern Sie sich noch an einen besonders interessanten Fall?

Prof. Udolph

Es gibt wirklich tausende von interessanten Fällen und es widerstrebt mir eigentlich, einen Namen auszuwählen. Aber sei´s drum: Löwenguth ist mir in Erinnerung, eine Umdeutung aus deutsch mundartlich (vor allem Südwestdeutschland) lev und gut „lieb und gut“. Also offenbar ein sehr liebenswerter Vorfahre.

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Obwohl man Sie in den Medien zumeist mit der Erforschung von Familiennamen in Verbindung bringt, sind Ihre eigentlichen Steckenpferde Gewässer- und Ortsnamen. Welcher Fluss oder Ort gefällt Ihnen rein aus onomastischer Sicht am Besten?

Prof. Udolph:

Ich finde den Namen des Rheins bemerkenswert. Während unsere heutige Form Rhein über mittel- und althochdeusch Rin (mit langem –i-) auf eine vorgermanische, indogermanische Grundlage *Rei-n-os zurückgeht, erfordert der uns von den Römern überlieferte Name Rhenus mit langem –e- die Vermittlung des Keltischen, denn nur dort wurde ein indogermanisches –ei- zu –e-. Das heißt, daß der indogermanische Name des Flusses – wohl im Süden – in keltischen Mund kam und – wohl im Norden – in germanischen. Letztlich bedeutet Reinos nichts anderes als „Fluß, fließen“ und ist sprachlich verwandt mit latein. rivus „Fluß“ (lebt z.B. weiter in spanisch, portugiesisch Rio) und slavisch reka, rijeka (auch Ort in Kroatien), italien. Fiume, was auch „Fluß“ bedeutet

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